Gedichte und Gedanken

 

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Nähstenliebe
 

Nächstenliebe

von Rita Krause

Er lehnte sich zurück, die Flasche mit dem guten Whisky fest umklammert und auf seinem Bauch abgestützt. Der Kälte dieser Nacht gehörte schon sein Körper. Doch er wollte, daß sie endlich das Denken einfror. Das, was ihn zum Menschen machte. Das, was er nicht mehr ertragen konnte.

Die Hände schienen an der Flasche festgeftoren, er

pro stete dem Sternenhimmel zu, dem die Lichter der Stadt über der großen Parkanlage nicht viel von seinem Glanz nehmen konnten. Die gefrorenen Tränen vereisten ihm Bart und Wimpern, und der Gestank seines Urins, der ihm die Beine an der Bank festfror, stach wie mit feinen Nadeln in seine Nase.

Er hatte einfach alles laufen lassen. Wozu noch aufstehen, wohin sollte er noch gehen?

"Oh, Gott, wenn ich noch an Dich glaubte! An Dich und alles, was ich den Menschen über Dich erzählte! Ich stürbe in dem Wissen, sie wiederzusehen, die Du mir so unbarmherzig nahmst. Einfach ausgelöscht hast Du sie, und ich mußte allein zurückbleiben. Schau mich an, schau, was aus mir geworden ist! Du mit Deinen tausend Augen, die so kalt da oben blinken, so unerbittlich teilnahmslos,

so grausam schön!"

Er schüttelte die Flasche in Richtung Himmel.

"Das hast Du mir gegeben, dafur danke ich Dir! Ich danke Dir, oh, Du barmherziger Herr fur den Trost und das Vergessen, oh,ja, ich danke Dir, auch wenn Du behaupten wirst, daß es der Antichrist sei, dem ich es zu verdanken

habe. Wir beide wissen es besser, nicht wahr! Der Teufel ist doch Deine Erfindung! Damit Du Dich hinter seiner diabolischen Fratze verstecken kannst, wenn es Dir gefällt, böse zu sein. Ja, doch, ich weiß, auch Dir bereitet es ein heimliches Vergnügen, böse zu sein. Das bringt ein wenig Verwirrung und Entsetzen in die Eintönigkeit des Lebens . Es bereitet Dir Spaß, das Bühnenbild nach Deinem Dünken zu gestalten und zu beobachten, wie Deille erbärmlichen Menschlein, Deine Schöpfung dan1itklar kommen. Du schufst Dir Dein Abbild, und so wie in uns Gut und Böse stecken, so steckt es in Dir! Aber Du wolltest uns glauben machen, der Teufel sei verantwortlich. Ha! Oder hast es in das Deckmäntelchen einer Prüfung gehüllt. Was wolltest Du bei mir prüfen, sag' s mir! Meine Loyalität zu Dir?"

Er hob die Flasche beidhändig, zitternd vor Kälte, nahm einen großen Schluck, ein Teil rann gleich wieder aus dem Mund. Es brannte höllisch im leeren Magen; kein wärmendes Gefuhl mehr verbreitend.

" Nicht nur Dein wahres Gesicht hast Du mich schauen lassen! Ich habe sie alle kennengelernt, diese Heuchler, diese Nächsten, die man lieben soll! Nicht, daß ich es nicht schon vorher gewußt hätte, nein, aber mir haben sie genausowenig wie Du ihr wahres Gesicht gezeigt, solange ich noch Dein Würdenträger war. Solange ich Ihnen die Schuld nahm und in Deinem Namen vergab, ja!"

Der Kopf fiel ihm schwer nach vom, leise kicherte er vor sich hin.

"Weißt Du noch, wie sie rannten, in diesem honorigen Caf6? Wo die alten Weiber sitzen, tratschen und sich vollstopfen mit Schwarzwälder Kirsch! Wo die Jungen sich erholen nach ihrem anstrengenden Konsumieren,

nachdem sie das Pelzmäntelchen lässig an der Garderobe aufgehängt haben, als sei's nichts wert. Und die alten Männer, die gierigen Blickes über den Rand ihrer Zeitung und Altherrentorte jeden Schritt der vollbusigen Bedienung verfolgen. Wo der bürgerliche Blick nicht getrübt werden sollte durch einen wie mich! Wo ich nicht auf ihr sauberes Klo durfte, meine Notdurft zu verrichten! Ha!"

Er stierte mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit, als könne er in der Ferne auf einer Bühne alles noch einmal verfolgen.

» Sieh nur Herr, ihre Blicke! Wie sie die Augen aufreißen, weil ich mitten in ihrem Cafe die Hose herunterziehe, ihnen meinen nackten Arsch unter ihre aufgerissenen ungläubigen Augen halte, weil ich mir nicht den letzten Rest Würde nehmen tassen und in die Hose scheißen will. Schau sie Dir an, all die Heuchler! Jeden Tag warten sie auf das große Ereignis, über das sie sich empören können, auf das sie geifern wie Höllenhunde, damit sich ihr Leben gelohnt hat. Daß da einer ist, der ihnen recht gibt in ihrem Glauben, die Besseren zu sein! Die Moralischeren! Die Tugendhaften! Ich hab' ihnen was draufgeschissen, ich habe mitten in ihre heile Welt meinen Darm entleert! Ja, da schaut ihr, so einen Pfarrersarsch sieht man nicht alle Tage!"

Sein Blick verschweierte sich, wandte sich nach innen.

" Nach diesem Tag mußte ich nur draußen stehen und rufen, derFranz sei da! Da stand an jeder Tür sofort einer der Weißschürzen, um zu verhindern, daß ich die Tortenfresserhalle entweihte. Ich riß die Geranien aus den Blumenkübelnund fraß sie, stopfte sie mir in den Mund, so wie sie den ihren sich mit Torte voll stopften. Und

spülte alles mit meinem Whisky runter, rülpste in die Gesichter derer, die sich, draußen sitzend, von was auch immer erholen woHten. Liebe Deinen Nächsten! In Liebe fraß ich die Blumen!

Und weißt Du noch, als diese Stadt in ihrer Kunstausstellung schwelgte. Weltoffen nannte sie sich, für alle Kunstrichtungen, die Gedanken sind frei und Kunst ist Offenheit, nicht definierbar! Ha! Meine offene Hose, aus der der nutzlose Beweis meines Mannseins herausragte, schön bunt angemalt, nach oben gehalten von drei gasgefiillten Ballons, das war zuviel an Offenheit! Das konnten sie nicht ertragen, das hatte mit Kunst nichts zu tun. Oh, Herr! Wenn ich an die vielen Exhibitionisten denke, die sich entblößten, sich zur Schau stellten und nichts anderes im Sinn hatten! Die ganze erbärmliche Selbstbeweihräucherung, da wird mir ganz übel!"

Er kotzte sich auf die Jacke, das Wenige, was sein Magen hergab

"Nun, sie werden zufrieden sein, mit dem, was sie morgen hier finden! Vollgekotzt, vollgepinkelt, wieder so ein Säufer, der die Nacht nicht überlebt hat. Sie müssen keine Angst mehr haben um ihre geweihten Stätten und ihre geweihte Ruhe, Herr!"

Mühsam hob er die Flasche noch einmal zum Mund. Der letzte Schluck.

"Auf Dich, Herr voller Gnaden! Auf Dich! Nur einmal noch habe ich gepredigt, versuchte ich, Ihnen Hoffnung und Trost zu geben, weißt Du noch? Damals, als dieses Grubenunglück geschah! Weil sie einen Glauben brauchten, und sie kennen ja nur den an Dich! Ich zog durch die Straßen der Innenstadt und predigte ein letztes Mal. Weil ich gewußt habe, wie es ist, die Liebsten zu

verlieren. Wie die Leere sich anfuhlt, wie das Loch sich anfühlt, in das man gestoßen wird! Gestoßen von Dir, Du Herr der Gnaden voller Hohn! Drei Tage war ich besoffen von dem vielen Whisky, den ich bekam. Ja, es gab noch ein paar Menschen, die mich kannten. Die haben ihr Gewissen beruhigt, und ich konnte bei meiner Marke bleiben, mußte wenigstens keinen Fusel saufen. Ich danke Euch, Ihr Gewissensberuhiger, daß ich nicht einem billigen Meßwein zum Opfer falle."

Er schloß die Augen. Er verschloß sich. Die Kälte hatte das Denken erreicht. Er schlief ein.

Im honorigen Cafe in der Innenstadt lehnte sich ein Mann zurrieden zurück und schlug den Lokalteil auf. Dort stand, daß ein Jogger im Park die Leiche eines Mannes gefunden habe. Er hatte auf einer Parkbank gesessen, eine leere Flasche in den Händen und sei ernoren. Eshandele sich bei dem Toten um einen stadtbekannten Obdachlosen, der, ehemals Pfarrer, nach dem tragischen Tod seiner Frau und seiner Kinder, dem Alkohol verfallen sei.

"Oh, Gott", dachte er, "es gibt schlimme Schicksale auf dieser Welt!" und schob sich den ersten Bissen seiner Altherrentorte in den Mund.




Kind

Kind

Meine Hände reichen nicht,

Dich zu schützen.

Kann laufen in die nächste Ecke,

vor Heckenschützen.

 

Meine Füße reichen nicht

Dich  festzutragen.

Kann springen wie ich will,

vom Schützengraben.

 

Meine Beine reichen nicht

wissen nicht wohin.

Sind so schwach vom vielen Laufen,

um Tellerminen.

 

Kind , sag, kannst du mich hören?

Die Bomben fallen so laut.

Kind, sag,kannst du mich noch sehen?

Die Luft hängt voller Staub.

Kind, ich fühl Dein Herz nicht mehr.

von Rita Krause




Behindert

Behindert", ein Mensch wie Du!

Du schaust mich an als wäre ich ein Aussätziger.
Dir steht das Mitleid in den Augen.
Dein Blick zeigt Unverständnis für mein Gebrechen.
Meine Gefühle verstehst Du nicht.

Warum tust Du das alles?
Bist Du ein Mensch, der über anderen steht?
Kannst Du mehr leisten als ich?
Nur weil Du keine Behinderung hast?

Fragen, über Fragen, die sich mir stellen.
Antworten darauf gibt es immer.
Nur ein wenig Mut brauchst Du um sie zu finden.
Dein Leben ist ja auch nicht einfach.

Es ist genau so kompliziert wie das meine.
Ich bin ein Mensch wie jeder Andere.
Das Leben liebe ich genau so wie Du.
Arbeiten muss ich wie Du.

Unsere Gefühle sind gleich.
Ich liebe wie jeder Andere.
Ich hasse wie jeder Andere.
Nur... muss ich mehr Lebensmut aufbringen wie jeder Andere.

Deshalb habe ich eine Bitte an Dich!
Schau mich nicht so mitleidig an.
Akzeptiere mich, wie ich bin – das tu ich schließlich auch!
Fordere meine Fähigkeiten heraus!

Tu es – und Du wirst sehen – wir können Freunde sein.
Begreife! – ich bin ein Mensch wie jeder Andere.
Verstehe mich als Mensch mit Charakter.
Vergiss meine Behinderung.

Nur der Mensch als solches zählt.
Er hat Stärken, er hat Schwächen.
Fühlen, lachen, weinen und lieben kann ich wie Du.
Deshalb lass uns gemeinsam die Welt besser machen!

Werfe Deine Vorurteile über Bord!
Vergiss nie, dass alle Menschen gleich sind!
Denk immer daran, dass auch Du ein Gebrechen bekommen kannst.
Dann wirst Du daran denken und dankbar für jeden Freund sein.




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